Mit der Eisenbahn durch Indien

Indien besitzt eines der größten Eisenbahnnetze der Welt. Vor fast 160 Jahren von den Briten aufgebaut ist es heute berüchtigt für überfüllte und verspätete Züge. Wir fahren in der Sleeper Class mit gemächlichen 60 Stundenkilometern und offenen Türen durch die Nacht in Richtung Delhi.

Warten auf die Abfahrt des Zuges von Jodhpur nach Delhi.

Unsere Fahrkarten haben wir bereits vor einigen Tagen im Zugreservationsbüro von Jodhpur besorgt. Das Abendessen vor der Abfahrt – im Restaurant Kalinga nahe beim Bahnhof – ist keine Werbung für die indische Küche, die Atmosphäre kühl – nicht nur wegen der Klimaanlage. Bei einem Strassenverkäufer kaufen wir noch ein paar Snacks für die Reise im Nachtzug nach Delhi. Meine pantomimische Darstellung von Gummibärchen wird leider nicht verstanden.Auf der anderen Strassenseite liegt der Bahnhof. Bald fährt unser Zug ein. Sofort rennen Reisende zu ihren Waggons und entern diese in Windeseile. Eine Soldateneinheit steht mit Gewehren, Verpflegung und vielen Kisten zum Einsteigen bereit. Jodhpur besitzt – neben der jahrhundertealten Verteidigungsfestung Mehrangarh – eine Kaserne, was wir auch an den nächtlichen Helikopter- und Kampfjetflügen gemerkt haben.

Wir suchen unsere Wagennummer S9. Am Eingang des Wagens der Sleeper Class stehen auf der Reservationsliste auch unsere Namen mit den Platznummern 11 und 14. Wir verstauen unser Gepäck im Abteil und setzen uns. Wir sind die einzigen Touristen in diesem Waggon; normalerweise fahren Ausländer in der klimatisierten AC2-Klasse.

Die Gitter an den Fenstern der Sleeper Class Schlafwagenabteile dienen zum Schutz. Ob sie bei einigen Reisenden Beklemmung auslösen?

Händler ziehen durch die Wagen und bieten heissen Tee, Saft und warme Mahlzeiten an, daneben Schlösser und Ketten um das Gepäck in der Nacht vor Diebstahl sichern zu können. Poliogezeichnete Bettler kriechen durch die Abteile und klopfen beharrlich an unsere Knie.

Eine alte Frau nimmt – begleitet von ihren drei Töchtern, einem Schwiegersohn und zwei Enkeln – in unserem Sechserabteil Platz. Wir fragen uns, wo wir – mittlerweile neun Köpfe zählend – in der Nacht alle Platz finden sollen. Das Rätsel löst sich jedoch bald: Die Töchter berühren ehrerbietig die Füsse ihrer Mutter und verabschieden sich. Der Schwiegersohn wartet noch etwas länger und steigt erst aus, als der Zug bereits angerollt ist. Mit der Abfahrt des Zuges kehrt Ruhe ein.

Die ältere Frau scheint einen Narren an mir gefressen zu haben, weil ich einem Bettler etwas Geld gegeben habe. Sie lächelt mich an, berührt meinen Kopf und spricht auf Hindi auf mich ein. Ich frage einen der Soldaten, was sie sage, aber dieser kann kaum Englisch, nur “God bless you”.

Eine Familie begleitet die Grossmutter in das Zugabteil und wartet mit ihr bis zur Abfahrt.

Bald legt sich die Grossmutter hin und deckt sich mit ihrem Sari zu. Den Soldaten wird aus einer riesigen Metalltonne warmes Curry ausgeteilt. Die mittleren der sechs Liegen der Sleeper Class Abteile werden heruntergeklappt und auch die Soldaten richten sich auf ihren Bündeln mit den Gewehren neben sich zum Schlafen ein.

Unsere Plätze sind die obersten beiden Betten, was anfangs ein Vorteil ist, da man bereits zu Beginn der Fahrt alleine dort liegen kann. Je länger die Nacht jedoch dauert, desto unangenehmer werden die drei auf Hochtouren laufenden Deckenventilatoren. In der Nacht hält der Zug immer wieder auf offener Strecke um entgegenkommende Züge vorbeizulassen, was diese mit einem ohrenbetäubenden Signalpfeifen quittieren. Die Eisenbahn in Indien verfügt über eines der grössten Schienennetze der Welt; es ist jedoch nur ein Teil des Bahnnetzes elektrifiziert und doppelspurig. Aufgebaut wurde die indische Eisenbahn von den britischen Kolonialherren 1853. Damals fuhren Dampflokomotiven, die heute fast vollständig von Dieselloks abgelöst wurden. Heute ist die indische Bahn ist der grösste Arbeitgeber der Welt.

Gegen vier Uhr am Morgen wache ich endgültig auf, ich bin durchgefroren, mein Hals brennt. Etwa eine Stunde vor der Ankunft in Delhi werden die Zugtüren geöffnet und kühle Luft strömt herein. Wir fahren durch die Vororte mit ihren Slums, die bis auf einen letzten Meter an die Schienen angrenzen. Neben den Gleisen liegt dichtgesäter Abfall.

Früher Morgen am Bahnhof Old Delhi.

Mit dem Sonnenaufgang fahren wir im Bahnhof Old Delhi ein. Hinter uns liegen 600 km in der indischen Sleeper Class. An einem Imbissstand bekommen wir Kaffee und plaudern mit einem Ingenieur-Studenten, der uns ein dichtgedrängtes Tagesprogramm von Sehenswürdigkeiten beschreibt. Vor dem Bahnhof bestürmen uns die üblichen Fahrradrikscha- und Taxifahrer. Die Luft ist heiss und staubig, die Strassen sind dreckig und von Betrunkenen, Bettlern und Schlafenden bevölkert. Fliegenschwärme umkreisen uns. Wir sind in Delhi.

Gepäckträger am Bahnhof Old Delhi.

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